Von Menschen…und Menschen

Wer hätte das von den Medizinern gedacht? Diesen Satz habe ich ziemlich oft während der OE (Orientierungseinheit) gedacht, die ich heute glücklich überstanden habe. Glücklich in dem Sinne: ohne größeren Schaden. Denn, obwohl man denken könnte, dass Medizinstudenten aufgrund ihres Faches ja die Konsequenzen von übermäßigen C2H6O-Konsum (also Alkohol) kennen, tut das der freien Auslebung des Selbigen keinen Abbruch. Sogar im Gegenteil – es scheint eher anzuspornen. An meiner Uni waren es neben den Juristen tatsächlich wir (also ich nicht, aber so ziemlich alle anderen :D), die von sich reden gemacht haben.

Ich hätte ehrlich nicht gedacht, dass man um 12 Uhr vormittags schon anfangen kann Vodka zu trinken, aber okay. Neben dieser Entdeckung war die OE aber wirklich cool! Wobei ich unglaublich viel Angst vor dem ersten Tag hatte. Und das habe ich sonst nie. Ich wusste gar nicht, was mit mir los war. Vielleicht gehört das zum Studium dazu. Oder es liegt daran, dass ich meinen besten Freund von Zuhause einfach nur vermisse.

Darauf wird man nicht vorbereitet, wenn es losgeht zum Studium. Natürlich weiß man das ganz rational, dass sich Wege trennen. Aber ich habe die letzten 3 Jahre ungefähr 5 Tage die Woche ca. 7 Stunden am Tag an der Seite dieses Menschen in der Schule verbracht. Es war ganz alltäglich. Im Nachhinein hat man dem Menschen das viel zu selten gesagt. Und jetzt ist es auf einmal nicht mehr so. Wie als wenn der Spruch: „Was es wert war, weißt du erst, wenn es vorbei ist“ einem seine volle Tragweite präsentieren möchte…

Wir waren ein ziemlich eingespieltes Team und dass, obwohl wir uns erst ziemlich spät kennengelernt haben – mit 15 Jahren. Ich habe ihm immer mit Mathe, Bio, und Deutsch geholfen; das waren seine Schwächen (und Englisch). Die Momente seiner Dankbarkeit, wenn ich ihm in Englisch irgendwas vorgesagt habe, damit er sich melden kann und ein bessere mündliche Note bekommt. Englisch war eigentlich seine größte Schwäche: Unvergessen der Satz, an den sich meine Klasse vermutlich die nächsten 50 Jahre noch erinnern wird. Ich glaube, wir wollten einen Film gucken, jedefalls wollte er, dass das Licht ausgemacht wird und sagte durch die ganze Klasse: „Please close the lamps.“ Die Klasse lachte natürlich gefühlte 10 Minuten darüber und machte nicht das Licht aus.

Solche Momente fehlen einem, wenn man noch ziemlich alleine in der neuen Stadt ist. Denn auch, wenn ich schon viele Leute in der OE kennengelernt habe, die wirklich nett sind, so ist die ganze Vertrautheit weg, die man beispielsweise mit solch einem Menschen hatte. Denn wir waren wie eine Symbiose, wir gaben uns beide, was wir brauchten. Er war immer für mich da, wenn ich irgendwen zum Reden brauchte und dafür half ich ihm in der Schule, was mir sehr viel Spaß machte. Zwischendurch entbrannten Diskussionen über Fußball, Sozialismum versus Kommunismus, Karl Marx oder irgendwelche Kleinigkeiten. Ich hatte einen wirklichen besten Freund gefunden. Aber mir ist erst jetzt aufgefallen, dass es so klingt wie in den ganzen tollen Filmen. So hat es sich in der Phase gar nicht angefühlt!

Ich merke es jetzt sehr doll. Und vermisse es. Er hat ein Ingenieurswissenschaftsstudium in einer Stadt ca. 500 km von meiner angefangen. Ich fühlte mich so ganz komisch glücklich, dass ich kaum aufhören konnte zu lächeln, als er mir ein Foto von dem vollständigen Induktionsbeweis aus seinem Mathevorkurs schickte, weil er seinen Fehler nicht fand. Wie früher. Ich habe es ihm erklärt und musste noch mehr lachen, als er mir dann antwortete: „Ich glaube, du würdest die Beste sein in unserem Studiengang. Kein Spaß, du hast die Induktion in 5 Minuten verstanden.“

Als ich ihm dann antwortete, es wären 16 gewesen, sagte er: “ Dann hast du es trotzdem schneller verstanden als alle in meiner Vorlesung.“ Ich kam aus dem Lachen kaum noch raus, weil es sich wieder angefühlt hat wie in der Schule im Biounterricht. Und er war ein Mensch, der es mir nie vergessen hat. Kurz nach dem letzten Zeugnis schrieb er mir: „Du hast mir sehr viel geholfen; ohne dich hätte ich niemals 14 Punkte in Mathe oder geschweige denn so ein gutes Abi. Aber naja, ich weiß nicht, ob mir nochmal so eine Person begegnet, die mir so viel helfen kann wie du.“

Ich muss ehrlich sagen, dass war einer der schönsten Momente überhaupt während meiner ganzen Schulzeit. Wertschätzung und Dankbarkeit zu erfahren, jemandem helfen zu können. Unglaublich. Vielleicht studiere ich auch deshalb Medizin. Und deshalb fehlt er mir auch sehr stark. Aber am Montag geht die erste Vorlesung los. Ich freue mich schon total, bin ganz aufgeregt deswegen und hoffe, dass ich wieder das Schicksal habe und solch einem (oder mehreren) Menschen begegne, mit dem ich mich so toll verstehe. Also macht es gut! Das war heute ziemlich viel Selenkram. Das nächste Mal wieder mehr Medizin.

Versprochen! Euer medicalresearcher

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s