Lachen oder weinen?

„Geh auf die Pädiatrie oder Gyn! Da darf man die ganze Zeit mit kleinen Kindern spielen oder Schwangere zum Ultraschall fahren und muss keine alten Leute waschen!“

Zweimal düft ihr raten, wo ich bin!

Auf der Geriatrie. Der beste Ort für ein Pflegepraktikum! 😀

Nein Scherz, wenn ihr auch so unglaublich strukturiert wie ich wart und ich euch eine Woche vor Beginn der Semesterferien bewerbt, dann lasst euch jetzt keine Angst von mir machen.

Oder vielleicht doch ?

Ich habe sogar noch Glück gehabt, denn auf meiner Station sind viele Privatpatienten und dementsprechen „angenehm“ ist die Personalage. Heißt: Sie ist 5% weniger katastrophal als in anderen Kliniken 😀 Ich musste selber lachen, als drei examinierte Schwestern schwatzend und kaffeetrinkend im Stationszimmer saßen und ich auf der Toilette war und keiner der dreien die geringste Notwendigkeit darin sah, zur Klingel zu gehen 😀

Nein, ich darf auch nicht immer schimpfen, mittlerweile komme ich mit recht vielen Schwestern ganz gut aus und da ich merke, wie sehr sich die Patienten darüber freuen, wenn sich jemand mal zu ihnen ans Bett setzt, bringt mir die Arbeit auch in vielen Momenten Spaß. Wäre auch komisch, wenn nicht.

Auch wenn ich das morgens um Fünf vor der Frühschicht beim Aufstehen nicht unterschreiben würde…

Aber jetzt kommt etwas für euch. Meine bisher schönsten Anekdoten aus einem Monat Geriatrie:

1.

Frau U. ist eine kleine zarte Dame, die aus einer wohlhabenden Familie kommt, beide Kinder sind Ärzte. Sie ist jedoch zusehend vereinsamt in ihrem großen Haus am Meer und hat aufgehört sich etwas zu Essen zu kochen. Kam also mit dem ganzen Programm: Synkope, Exsikkose, geistige Verwirrtheit, schlechter AZ zu uns. Natürlich Privatpatientin im Einzelzimmer. Bei uns wurde fortgeschrittene Demenz festgestellt, weswegen sie nachts gerne mal über die Flure spaziert. Es kam wie es kommen musste. Sturz in der Nacht, Platzwunde, genäht mit vier Schnitten, Am gleichen Tag noch Pleurapunktion, bei der die gute gezuckt hat, weswegen sie nun auch noch einen Pneumothorax hat. Am nächsten Tag wollen wir ihr das verklebte Haar auswaschen, ganz vorsichtig ohne die frische Naht nasszumachen. Sie sieht das aber anders, hängt sich kopfüber übers Waschbecken und hat sich Shampoo aufs Pflaster. Gut, was muss, das muss 😀

Am besten war es aber heute morgen.

„Guten morgen Frau U. Haben Sie gut geschlafen? Sie sitzen ja schon am Tisch?“

„Heute ist ein schrecklicher Tag. Ich wusste gar nicht, dass Haut so schnell leiten kann. Es kam einfach als ich aufstand.“

Ich schaue mich im Zimmer um und entdecke eine Urinpfütze hinter der Tür und unterm Tisch liegt die Einlage. Nass.

„Aber schauen sie mal. Ich habe es geschafft, das Laken zu retten!“

Sie schaut mich so begeistert an, dass man ihr kaum böse sein kann, auch wenn ich das natürlich wieder aufwischen darf. Wozu ist man schon Medizinstudentin oder ? 😀 Ich wollte sie dann ins Badezimmer bringen, da fragt sie mich, ob das denn frei sei (Sie ist im Einzelzimmer). Beim Haarebürsten verlangte sie von mir, dass ich ihr das Telefon reiche (es ging draußen von einem anderen Zimmer die Klingel). Und während des Haarebürstens erzählte sie mir, dass sie gerade aus dem Urlaub zurücksei und sie sich freute, dass ich sie besuchen käme.

Alles klar, Frau U. Ich freue mich auch 😀 Nächstes Mal, wenn ich sie besuchen komme, trinken wir lieber einen Kaffee zusammen als dass ich ihren Urin aufwische…

2. Ich wurde gefragt, ob ich mal eine Nacht mitmachen wolle. Ich wollte. Die beste Erfahrung? Ich kam zu einer mir fremden Patientin. Sie sagte zu mir: „Sie sind süß!“ Zwei Sekunden später versuchte sie mir mit ihrer Klingel ins Gesicht zu schlagen.

3. Frau U. (eine andere als eben) ist orientiert, aber aufgrund einer Macula Degeneration fast blind sowie sehr schwer hört, Wassereinlagerungen und Herzinssufizienz besitzt. Sie ist aber orientiert und zu mir aber immer sehr lieb, da ihre zwei Enkeltöchter auch Medizin studiert haben. Mein Highlight bei ihr war, als die Nachtschwester erzählte, Frau U. sei sehr nostalgisch gewesen, habe auf dem Bett gelegen und gesagt: „Ich werde von nun an nur noch beten.“ Als sie fragte, ob sie gerade akut denn irgendwas tun könnte, um ihr zu helfen, sagte sie: „Nein, ich werde mich von nun an an Gott richten.“ Na meinetwegen, wenn es ihr Spaß bringt.

Ich konnte aber echt nicht mehr, als ich am Tag zu ihr ging, um ihr die Socken anzuziehen. Die Socken, nichts mehr. „Ich danke dem Himmel, dass er sie geschickt hat. Gott vergelte!“

Wer hätte geglaubt, dass jemand sich so freut, wenn ich ihm die Socken anziehe 😀

4.

Und dann sind da die Lieblingspatienten. Jeder hat die oder? Auch bei den Alten. Es gibt so viele anstrengende, aber auch immer super liebe Menschen. Da ist Herr H. Palliativpatient. Bronchialkarzinom im Endstadium, die dritte Chemo wurde abgebrochen, weil er einen Herzinfarkt bekam. Ich bin jeden Tag mit ihm ins Bad gegangen und habe ihn beim Waschen unterstützt. Nach meinem freien Tag kam ich wie immer ins Zimmer und sagte: „Guten Morgen Herr H. Haben Sie gut geschlafen?“ „Wo waren Sie gestern? Ich habe Sie vermisst.“

Bei seiner Entlassung drückte er mir die Hand und sagte: „Wir haben viel durchgemacht.“ Bei so etwas muss einem doch das Herz aufgehen oder? Dabei habe ich immer nur ein bisschen über das Wetter und so mit ihm geplaudert…

Sehr ähnlich Frau K. Mittelhandfraktur. Für über 90 aber noch top in Form und ganz klar im Kopf. Sagt sie mir heute: „Ich habe schon meiner Schwester von ihnen erzählt, sie sind so lieb zu mir. Dabei habe ich mich nur 10 min zu ihr ans Bett gesetzt und mit ihr über ihren geliebten Hund geredet. Da merkt man, wie sehr den Menschen soziale Nähe gut tut.

Und zu allerletzt Herr S. Eigentlich ein Patient, bei dem ich so gut wie gar nichts machen kann, denn er ist sehr kompliziert mit Brustwirbelfrakturen, kann nicht mobilisiert werden und hat noch Parkinson und eine Dysphagie dazu. Aber ich helfe ihm immer beim Essen und besonders der Kampf morgens mit den Tabletten, die ich ihm mit Apfelmus eintrichtere, hat uns zusammengeschweißt. Seine Tochter ist zu Besuch und ich muss zum 11 Uhr Vitalwerte messen rein. Ich mache die Tür auf, sagt er zu ihr: „Da ist sie! Die von der ich dir erzählt habe.“

Ich finde, da lohnt sich die Arbeit. Ich weiß zwar nicht, wie viele Wäschesäcke ich mittlerweile schon ausgeleert habe, aber solche Momente machen die Mühe fast wieder vergessen.

Ein Lacher noch zum Schluss: Hochgradig dementer Herr, früher selber Arzt, Professor der Blutbank an der Uniklinik. Ich gebe ihm die Zahnbürste in die Hand. Schaut er mich mit großen Augen an: „Und was machen wir jetzt damit?“

Ich hoffe, meine Anekdoten haben euch gefallen. Da ich noch einen Monat vor mir habe, freut euch auf mehr! 😀

Liebe Grüße

euer medicalresearcher

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5 Gedanken zu “Lachen oder weinen?

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